Industrial Design.
Was macht man da eigentlich?

Diese Frage begegnet mir häufig. Und die Existenz der Frage allein klärt vielleicht, weshalb Industriedesign bisher nicht in der Software-Entwicklung angekommen ist. Dabei ist der ganzheitliche Designansatz, den wir im klassischen Produktdesign finden, auch hier mehr als hilfreich. Also breche ich mal eine Lanze für uns Industriedesigner und umreiße, was wir können. Was wir tun. Und wo und wie man uns einsetzen sollte!

Illustration eines Falken im Sturzflug, Symbol für die Vogelperspektive: Abstand und Überblick über Produkt und Organisation

Wohin gehört welche Taste bei der Kaffeemaschine und wie fühlt sie sich an? Wieviel Grad hat die korrekte Ausformschräge eines Spritzgussteils, damit es nicht nur funktioniert, sondern auch fluffig aus der Maschine fällt? Wie sieht sie aus, die „most emotional Motorhaube ever“? Im Interaction-Design: Welche Aspekte müssen wir mitdenken bei der Softwareentwicklung?

Industriedesigner sind vielfältig.

Industriedesign lehrt die ganzheitliche Sichtweise aus der Metaperspektive. Es gilt, sämtliche in einen Produktentwicklungszyklus eingebetteten Fachrichtungen zu integrieren und mitzudenken. Damit das gelingen kann, muss sich der Designer in jede mögliche Perspektive hineindenken können, muss lernen, die jeweilige Fachsprache zu verstehen und in andere Fachbereiche zu übersetzen. Was uns gerade dazu befähigt, ohne Scheu die richtigen Fragen zu stellen. Und ja, da sind auch die unbequemen Dinger dabei.

Als Industriedesignerin bin ich niemals fertig mit dem Lernen. Das Lernen, das Gelernte anwenden und umsetzen, gehört zu meinen Hauptaufgaben. Das Studium war breit gefächert und deckt längst nicht alle Bereiche ab, die mir seither in der Praxis begegneten, hat uns aber die wichtigsten Grundlagen mitgegeben und uns dazu befähigt, uns selbstständig überall hineinzuarbeiten und ständig neue Sichtweisen einzunehmen. Zur Grundausbildung gehörten:

  • Farbe / Oberfläche
  • Komposition
  • Zeichnen / Skizzieren
  • Visuelle Kommunikation
  • Mediale Systeme
  • CAD / Rapid Prototyping
  • Technologie
  • Mediengeschichte
  • Kultur- / Designgeschichte
  • Semantik
  • Ergonomie
  • Darstellungstechniken
  • Kreativitätstechniken
  • Product Design
  • Modellbau
  • Interaction Design
  • Business Start
  • Designmanagement
  • Marketing
  • Englisch
  • Gebrauchsgüterdesign
  • Interaction Design
  • Kurzprojekt
  • Praxisphase

Haltung und Versprechen

Form follows function. Dieser Gestaltungsgrundsatz aus Architektur und Design ist deutlich älter als die moderne Softwareentwicklung, trägt aber mehr denn je. Statt immer neuer Features oder glänzender Oberflächen hilft in jeder Phase der Entwicklung eine einfache Frage: Was brauchen wir wirklich?

Verband Deutscher Industriedesigner

Was diese Breite im Kern zusammenhält, ist eine bestimmte Haltung gegenüber Produkten. Sie werden nicht als isolierte Objekte verstanden, sondern als Teil größerer technischer, sozialer und wirtschaftlicher Zusammenhänge. Gestaltung heißt, bewusst über die Wirkung nachzudenken, die etwas entfaltet, nicht nur über seine Form. Dieses Verständnis prägt das Berufsbild der Industriedesigner. Wer in diesem Feld arbeitet, bildet sich fortlaufend weiter und blickt mit Interesse über die eigenen Fachgrenzen hinaus.

Eine Rolle, die fehlt.

Genau diese Haltung, Produkte als Teil eines größeren Ganzen zu denken und interdisziplinär zu arbeiten, fehlt der Digitalisierung häufig noch als eigenständige Rolle. Das Digital-Design-Manifest der Bitkom formuliert diesen Bedarf explizit: Eine gestaltende Instanz, die digitale Vorhaben ganzheitlich denkt, vergleichbar mit dem, was Industriedesigner in der physischen Produktentwicklung längst leisten. Wie das konkret aussehen kann, zeigen die folgenden Projekte.

Zusätzlich zu den oben genannten Vorlesungen gehörte am Anfang eines jeden Semesters ein Kurzprojekt. Die Auswahl der Themen war vielfältig und jeweils von einem Professor oder Professorin 1:1 betreut. Hier durften wir uns in voller Länge und Breite mit allem austoben, was wir bis dahin gelernt hatten und den Produktentwicklungszyklus von der Recherche über Idee, Konzeption, Gestaltung, Prototyping durchlaufen.

Den Abschluss bildete jeweils eine öffentliche Präsentation unserer Projekte. Öffentlich bedeutet hier, dass mindestens die Kommilitonen aller Jahrgänge , Dozenten und Professoren anwesend waren. Aber auch Besucher waren eingeladen und willkommen. So durften wir lernen, unsere Ergebnisse und Arbeitsweise vor größerem Publikum selbstbewusst zu präsentieren.

Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Industriedesign der Hochschule Magdeburg-Stendal [2007 – 2013] | Ramona Gläser
Designmodell einer Kinderuhr mit zwei digitalen Displays, handgefertigt aus PU-Schaum und Acryl
Im Zeichen der Zeit
Uhr mit interaktiven Displays

Technologie
Zwei separate Multitouch Displays.

Bedienung
Intuitive Gesten, wie man es heute von Multitouch Displays gewohnt ist.

Formgestaltung
Inspiriert von einer auf die Seite gelegte Sanduhr, wobei die 12 Stunden der Nacht weniger Raum in Anspruch nehmen.

Als ich meiner damals noch sehr kleinen Tochter die Uhr zu erklären versuchte, stellte sie mir die Frage: „Warum geht die Uhr an nur einem Tag zweimal herum?“ Die Art, wie sich die Zeiger bewegen, ist in Kinderaugen sehr abstrakt und kompliziert.

Auch der Zeitbegriff selbst machte uns Schwierigkeiten. Wir behalfen uns – wie man es eben tut – mit einfachen Dingen wie: „Noch dreimal schlafen bis…“

Dies inspirierte mich zu einer Uhr, die auch Kleinkinder verstehen.

Prototypen aus dem Semesterprojekt Kinderwelt: modulare Lernwand aus Filz und Lauflerntreppe für geheingeschränkte Kinder
Idea Engineering & interdisziplinäre Zusammenarbeit

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von 12 Studierenden aus den unterschiedlichen Fachrichtungen Informatik, Computervisualistik, Industriedesign, Sportwissenschaften, Psychologie und Pädagogik waren das Besondere an diesem Gemeinschaftsprojekt der Otto-von Guericke-Universität und der Fachhochschule Magdeburg-Stendal unter der Leitung des Fachbereiches Idea Engineering.

Gemeinsam haben wir verschiedene Kindertagesstätten besucht, darunter auch eine integrative Kita, um Schmerzpunkte, Herausforderungen und Wünsche, sowohl der Kinder als auch der Betreuer zu eruieren, die wir in unsere Ideenentwicklung einfließen ließen. Gerade die unterschiedlichen Blickwinkel und Herangehensweisen unserer jeweiligen Studienrichtungen haben dabei eine einzigartige Zusammenarbeit ermöglicht.

Designstudie eines Wasserhahns aus Papierton - organische skulpturale Form
Wege des Wassers
Eine sinn.liche Armatur

Technologie
Wasserhahn mit Sensortechnik.

Bedienung
Intuitive Gesten, dem Fluss des Wassers folgend.

Formgestaltung
Inspiriert von der Natur in Ästhetik, Material und Oberfläche.

Das primäre Ziel des Semester-Projektes „con.Sense“ bestand darin, sich all seiner Sinne bewusst zu werden, über die visuellen Aspekte des Designs hinaus zu denken und in ein buchstäblich sinn.volles Produkt einfließen zu lassen.

Verbunden mit der Neugestaltung eines Wasserhahns entstand eine sinn.liche Armatur, die in Anmutung und Bedienung die Natur des Wassers einfängt.

In unserem Schulsystem sind Kinder vor allem Konsumenten vorsortierten Wissens. Mein Ziel: Ein Programm zu entwickeln, das Schüler ermutigt, Fragen zu stellen, selbst zu forschen, zu entdecken und ihr frisches Wissen auf spielerische Weise zu reflektieren und in den Unterricht einzubringen:

  • Förderung von intrinsischer Motivation, Kreativität und Forscherdrang durch selbst bestimmte Projektarbeiten.
  • Heranführen an wissenschaftliches Arbeiten durch die Dokumentation von Entdeckungen und Beobachtungen in der realen Welt.
  • Förderung von Antizipationskompetenz und kritischem Hinterfragen durch kollaborative Arbeit und Austausch der so gesammelten Erkenntnisse.

Bachelor Thesis zur Erlangung des akademischen Grades Bachelor of Arts (B.A.)
an der Hochschule Magdeburg-Stendal, FB IWID, Institut für Industrial Design

Schwerpunkt: Interface Design
Autorin: Ramona Gläser
Abgabe: 2. Juli 2013
Abschlussnote 1,7

Was mich zu diesem Thema brachte, war eine einfache Beobachtung: Wissen, das nur konsumiert wird, bleibt oberflächlich. Erst eigenes Fragen, Forschen und Entdecken machen daraus etwas Erlebtes, das bleibt. Das Ergebnis der Recherche war kein Designobjekt, sondern das Konzept für eine digitale Lernplattform für Kinder. Nicht zum Konsumieren, sondern zum selbst Gestalten und Teilen. 2013 noch ein Gedankenspiel, fühlt sich die Idee heute dringender an denn je. Ganz losgelassen hat sie mich nie. Wenn Du ein Projekt hast, das in diese Richtung geht: Melde Dich! Ich bin dabei!


In einer zunehmend komplexen Welt ist ganzheitliches Denken unerlässlich. Das gilt nicht nur für den Designprozess und die Zyklen der Produktentwicklung, sondern auch für den gesellschaftlichen Kontext, in den wir unsere Produkte einbetten und ständig weiterentwickeln.

Für den gemeinsamen Erfolg im Produktentwicklungsprozess können die Expertisen involvierter Stakeholder und Spezialisten deshalb nicht hoch genug geschätzt werden.

Es gilt, mit Empathie und Aufgeschlossenheit mit den Menschen zu reden, für die und mit denen wir entwickeln. Alle Blickwinkel und Standpunkte einzubetten, um Ideen & Konzepte zu entwerfen und daraus Innovationen zu gestalten, die uns wirklich weiter bringen.

Gemeinsam.